Wenn eine Person eine sprachliche Äußerung macht, und es eine andere Person gibt, die diese Äußerung wahrnimmt, so sprechen wir gemeinhin von sprachlicher Kommunikation. Nun gibt es verschiedene Ebenen, auf denen man dieses kommunikative Szenario untersuchen kann.
Zum Beispiel als zwei rational agierende sprachlich versierte Individuen mit überlappendem Wortschatz, die die Bedeutung der Aussage vom Sprecher zum Hörer übermitteln. Eine semantische Betrachtungsweise. Andere Betrachtungsweisen wären die akustische (Übermittlung von Schall in Stille), die informationstheoretische (Übermittlung von Information im Signalrauschen) oder auch die pragmatische (eine Handlung der einen Person, die die andere betrifft).
Im Diskurs hingegen, wird nicht nur wie bei der pragmatischen Sicht die sprachliche Äußerung des Sprechers als Handlung verstanden, sondern das gesamte Setting von Sprecher, Zuhörer, sowie räumlicher und zeitlicher Kontext, und besonders auch der Kontext im gesellschaftlichen Diskurs. Als Barack Obama sagte, dass ein Schwein mit Lippenstift immer noch ein Schwein bleibt, hat er diesen gesellschaftlichen Diskurs kurz außer acht gelassen. Aber die Medien vergessen ihn nie, und haben die Aussage sofort in Zusammenhang mit dem Statement von Sarah Palin, sie sei ein Pitbull mit Lippenstift, gesetzt. Und wenn Sarah Palin ein Interview gibt und unter anderem über Thanksgiving redet, während die Kamera erfasst wie im Hintergrund Truthähne getötet werden, so ist auch dies ein Teil des gesellschaftlichen Diskurses.
Die Diskursanalyse versucht nun zu analysieren, wie die sprachliche Form der Äußerung den Handlungsakt des Sprechers verändert, und wie dieses Handeln durch gesellschaftliche Institutionen beeinflußt wird. Dieses soziale Handeln hat viel mit Macht zu tun, da mit jeder neuen Äußerung innerhalb eines Diskurses der Versuch unternommen wird, den Diskurs in eine Richtung zu bewegen. Um diese Macht durch Sprechen ausüben zu können, gibt es viele Mittel die dabei helfen. Rhetorik ist das erste was einem dazu einfällt. Andere linguistische Hilfsmittel die man in Anspruch kann wären Stilistik, Intonation, Syntax, Lexikon, Psychologie und Pragmatik. Es gäbe auch eine Vielzahl nicht-linguistischer Hilfsmittel, wie Stimmfarbe, nonverbale Kommunikation (Gestik, Mimik, etc.), Erscheinungsbild, direkte Handlungen, usw.
Wenn man nun davon ausgeht, dass die Menschen in unserer Gesellschaft unterschiedlichen Zugang zu all diesen Ressourcen haben, und, dass gewisse Gruppen wie Politiker und Lobbyisten gegenüber dem Normalbürger ihre Diskursvorteile einsetzen um Macht zu erlangen und zu erhalten, so kann man dies mit den Methoden der Kritischen Diskursanalyse untersuchen. Sprachliche Äußerungen können in dieser Sichtweise als soziale bzw. politische Machthandlung betrachtet werden.
Wenn man sich dabei auf den linguistischen Teil im politischen Diskurs konzentriert, ist man bei einer Form der politischen Linguistik angelangt. Denn die Sprache kann durch ihre Verwendung Einfluss auf die Politik nehmen, genauso wie sie von der Politik beeinflusst werden kann. Im deutschen netzpolitischen Diskurs äußert sich dieser wechselseitige Einfluss zum Beispiel in der Wortneuschaffungen, die gewisse Handlungen euphemistisch oder dysphemistisch in ein andere Licht rücken. Ein Blick auf den Google Trend des Wortes “Killerspiel” zeigt, dass das Wort erst vor kurzem im Diskurs geschaffen worden ist. Ein zweiter Blick auf den Google Trend von “Amoklauf” zeigt, dass es sich um eine politische Wortschöpfung handelt. Die beiden Spitzen kann man dann mit den weiteren Google Trends für “Emsdetten” und “Winnenden” anschaulich vor Augen führen. Dieser Begriff ist als Dysphemismus geschaffen worden, um aus symbolpolitischen Gründen, das Spielen von virtuellen Geschicklichkeitsspielen mit Tötungshandlungen zu diffamieren. Welche Macht die Politik mit solchen sprachlichen Mitteln ausübt, sieht man allein daran wieviele erklärte Gegner dieser Symbolpolitik diese Begrifflichkeit dennoch kennen und benutzen.
„Sprache ist eine Waffe. –Kurt Tucholsky”
Die Form der Wortneuschöpfung ist zwar eine starke Waffe wenn sie sich im Diskurs durchsetzen kann, jedoch auch eine der offensichtlichsten und am schnellsten hinterfragte. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die sprachkritische Liste der Unwörter des Jahres nicht nur eine sehr bekannte und beliebte Institution, sondern auch eine die voll von politischen Begrifflichkeiten ist, mit denen versucht wurde die öffentliche Meinung zu beeinflussen.
Keine Listen hingegen gibt es für die subtileren Arten der sprachlichen Manipulation der Öffentlichkeit durch Politiker. Franz Müntefering leitet auf seiner Webseite einen Abschnitt mit der Redewendung “Was ist heute links, fragen manche.” ein. Er führt einen imaginären Fragesteller ein, den man automatisch akzeptiert, weil es sinnlos scheint zu hinterfragen, wer “manche” sind, und warum sie genau diese Frage stellen sollten. Aber dadurch versucht er zu verhindern, dass man selbst Fragen zu dem Thema stellt die eine präzisere Antwort verlangen. Die Antwort auf die Frage klingt gut, aber wer in aller Welt würde einem Politiker so eine offene unpräzise Fragestellen, wäre es nicht um ihn frei zu Wort kommen zu lassen?
Wenn man das auf der gleichen Seite verlinkte PDF anklickt, und sich anschaut was da so geschrieben wird, kommt einem das Grauen. Da wird mal “Die Linke” und “Das Linke” sprachlich gegenübergestellt, Sätze mit “Unter dem Strich aber gilt:”, “Natürlich:” und “Trotzdem:” eingeleitet, Thesen ohne Begründung als Fakten aufgetischt (“Gerechtigkeit ist Grundlage der Freiheit.”), die “Solidarität” als Lösung der “Begrenztheit des Zufalls” verkauft, und hunderte weitere Methoden der Gehirnwäsche auf den Leser angewandt. Gehirnwäsche sage ich deshalb, da eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Text nicht möglich ist, ohne sich auf das Weltbild und die Begrifflichkeit des Autors einzulassen, und sich diversen Manipulationsversuchen bewusst oder unbewusst auszusetzen.
Die Anwendung der Kritischen Diskursanalyse auf politische Texte ist somit auch eine Erziehungsmethode zur Medienkompetenz, die noch vor der politischen Kompetenz nötig ist, um am Diskurs überhaupt mit einer “Überlebenschance” teilnehmen zu können. Da die Bundespolitik einerseits die größte Professionalisierung im Bereich der Medien- und Sachkompetenz in Deutschland innehat, andererseits den größten Einfluss auf die Lebensverhältnisse der Medien- und Sachinkompetenten Bürger hat, ist als Begleiterscheinung ein über eine lange Zeit hinweg ständig wachsender Politikverdruss entstanden ist. Neuere Entwicklungen in der Parteienlandschaft zeigen jedoch, dass der inhaltliche Frust in Teilen der Bevölkerung so stark gewachsen ist, dass sie trotz fehlender Medienkompetenz politisch werden.
Nun gilt es zu beobachten, ob dies dazu führt, dass sich die Medienkompetenz der politisch Neuen oder Inaktiven verbessert, oder ob es tatsächlich möglich ist, dass sich die politisch Alteingesessenen ihrer sprachlichen und kommunikativen Macht bewusst werden und verantwortungsvoller damit umgehen. Denn wenn der Zweck nicht mehr die Mittel heiligt, und Überzeugen statt Überreden wieder in Mode kommt, dann kann wieder eine Basis des gegenseitigen Vertrauens entstehen, die eine Brücke zwischen den Diskurs-Mächtigen und den Diskurs-Ohnmächtigen schlagen kann. Und erst dann kann man wieder auf Augenhöhe über Inhalte reden.